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Darmstädter Echo, 27. 06. 2015 / reise

Weite Blicke vom Baum des Lebens

Odenwald: Bei der Wanderung vom Auerbacher Fürstenlager nach Reichenbach kommt man auch an dem von Thomas Zieringer geschaffenen Friedensmal vorbei - Nachdenken und Meditation in Höhenlage

Von Norbert Bartnik

Eine ungewöhnliche Installation, die zum Nachdenken über die deutsch-jüdische Geschichte und die Völkerverständigung anregt, gibt es seit einigen Jahren am Wanderweg vom Fürstenlager nach Reichenbach. Leider gibt es noch keinen Wegweiser. Das Projekt ist faszinierend. Auf einer Anhöhe im Odenwald, von der man bis in die Rheinebene schauen kann, hat der Bensheimer Künstler Thomas Zieringer einen 26 Meter großen Denkmalkreis geschaffen, der von Felsblöcken aus Odenwald-Quarz umrahmt wird. In der Mitte befindet sich ein als
Baum des Lebens bezeichnetes Relief - eine Sicht von oben auf ein stilisiertes Geflecht von Zweigen oder Wurzeln. "Es bedeutet, sich in einer inneren Erfahrung selbst zu betrachten", erklärt der Künstler. Zugleich regt das Friedensmal aber auch dazu an, über die deutsch-jüdische Geschichte und die dunkelste deutsche Vergangenheit nachzudenken. Mitunter legen Besucher nach jüdischer Tradition kleine Steine in dem Gedenkkreis ab.

Die meisten Wanderer gelangen eher zufällig an diesen ebenso informativen wie meditativen Ort, denn es gibt in der Umgebung keine Hinweisschilder. Das
Friedensmal erreicht man bei einer reizvollen Wanderung, die aber wegen der teilweise starken Anstiege eine gute Kondition erfordert. Start ist im Fürstenlager am Rande von Bensheim-Auerbach. Zunächst geht man am Herrenhaus vorbei und dann geradeaus auf der Apfelallee weiter Richtung Eremitage, von dort aus rechts den Hang hinauf, um dann an der "Hermann-Schäfer-Eiche" nach links abzubiegen. Hier orientiert man sich an dem Wegweiser zum Felsenmeer, später an den Signets des Alemannenweges. Auch für Radfahrer ist die Route geeignet, sofern sie über genug Energie oder einen elektrischen Zusatzantrieb verfügen. Radler bleiben auf dem Forstweg, während Wanderer auch die parallel dazu verlaufenden schmalen Pfade benutzen können.

An einer Weggabelung folgt man der Beschilderung zum Borstein und kommt schon bald auf die Anhöhe mit dem
Friedensmal. Mehrere Infotafeln erklären den Sinn des in Privatinitiative entstandenen Steinkreises. Etwas entfernt davon steht der (Jerusalem) Grenzsteins mit der hebräischen Inschrift "Yerushalayim", die für "Stadt des Friedens" steht. Die andere Seite des Steines weist nach Westen in Richtung Hochstädten. Dort unten, wo derzeit schmucke Einfamilienhäuser gebaut werden, befand sich früher das Marmoritwerk, dessen Stollen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges für die Rüstungsproduktion genutzt wurden. Bei den Bauarbeiten wurden griechische Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge eingesetzt, viele von ihnen (22 Personen) kamen dabei ums Leben.

Eine Informationstafel weist auf diese weitgehend verdrängte Episode der Bensheimer Geschichte hin, außerdem findet man etwas pathetisch formulierte Appelle zur Völkerverständigung. "Das
Friedensmal soll dazu ermutigen, sein eigenes Leben anzuschauen und den guten Entwicklungen bei sich und anderen den Raum zu geben", erklärt Zieringer.

Man könnte meinen, dass ein derartiges Vorhaben auf allgemeine Zustimmung treffen würde. Doch obwohl an der Einweihung des
Friedensmals auch Vertreter des Landkreises Bergstraße teilnahmen, kam es wenig später zu Konflikten, die beinahe das gesamte, von einem Verein getragene Projekt zum Scheitern verurteilt hätten. Für die Installation des (Jerusalem) Grenzsteins besaß Zieringer keine Genehmigung, was die Kreisbehörden auf den Plan rief. Eine pikante Note bekam die Auseinandersetzung dadurch, dass als zuständiger Dezernent ein Politiker der einst für eher unkonventionelle Denk- und Handlungsweisen bekannten Grünen die Entfernung des (Jerusalem) Grenzsteins, der Sitzbänke und der Infotafeln verfügte. Man könne - so hieß es - die "ungehemmte Bautätigkeit" nicht hinnehmen, außerdem liege eine "standortuntypische Bepflanzung" vor.

Für ihr Vorgehen bekam die Kreisverwaltung viel Beifall, allerdings von unerwünschter Seite: Insbesondere Neonazis begrüßten in Facebook-Kommentaren den Abrissbescheid. Mit Hilfe eines Anwalts gelang es dem Verein, die Missverständnisse mit der Kreisverwaltung auszuräumen. Inzwischen wurde die Anlage zu beiderseitiger Zufriedenheit umgebaut. "Der Abrissbescheid wurde im Herbst 2014 außer Kraft gesetzt und dieses Thema ist somit vom Tisch", erklärt Zieringer. "Zu verrückt war dann wohl doch die Idee, in Deutschland einen
Grenzstein (mit der Inschrift Yerushalayim) abreißen zu wollen." Inzwischen baut der Künstler weiter an seinem Mahnmal. Geplant sind an beiden Seiten Engelsflügel mit einem Saum von weißen Marmorkieselsteinen und ein Regenbogen aus Glasmosaiksteinchen.

Nach so viel innerer Versenkung können sich die Wanderer wenig später an leiblichen Genüssen erfreuen. Das hinter dem markanten Felsgebilde gelegene Waldgasthaus am Borstein lädt mit einer großen Terrasse und einer Speisekarte mit leichten und deftigen Gerichten zum Verweilen ein. Nach der Rast geht es steil bergab ins Ortszentrum von Reichenbach. Auch dort gibt es bislang noch keinen Wegweiser zum
Friedensmal. Hanne Holuscha, stellvertretende Geschäftsführerin der Odenwald Tourismus GmbH, hat aber eine Überprüfung zugesagt: "Das ist ja ein wunderschöner Platz, ich habe Gänsehaut von den Bildern und den Texten, die ich mir gerade auf der Web-Seite angeschaut habe."


Anmerkung: es handelt sich um eine Abschrift des im Darmstädter Echo erschienen Artikels. Hier finden Sie das Original als PDF. Den im Artikel genannten Jerusalem-Stein bezeichne ich heute wegen der Verwechslungsmöglichkeit mit einer in Jerusalem zu findenden Steinsorte, als (Jerusalem) Grenzstein oder als Grenzstein (mit der Inschrift Yerushalayim).




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